Schmerzen tun nicht weh! Kapitel 8

Meine Gedanken rasten in einer wilden Achterbahnfahrt durch den Kopf , ich wusste nicht mehr ob es richtig oder falsch war, was ich gerade tat. Doch es war zu spät!
„ Du Taugenichts, was hast Du wieder gemacht!“ schrie Lady Zora mich an und in dem Moment zischte es auf meinen Rücken ein.
„Aaargh“ war das erste, was ich empfand und ich spürte wie die Striemen meine Haut zum Brennen brachten, ein altvertrauter Schmerz. Ich war ZUHAUSE! Ich war im Keller meines Elternhauses in Stolzenau. Ich war ein kleiner Junge. Und es brach aus mir heraus: Ich lachte wie ein Irrer.
Zusammenreißen war nicht möglich, diese Reise fühlte sich so echt an, es gab kein entrinnen! Lady Zora holte erneut aus und ich spürte die Vergangenheit, ich fühlte mich wehrlos, ausgeliefert.
„ Warum habe ich dich überhaupt bekommen? Du bist eine Strafe, die ich nicht verdient habe!“ fuhr Lady Zora mich an. „ Mein Leben könnte viel schöner sein, wenn es euch nicht geben würde“, fuhr sie fort. Mit „euch“ meinte sie meine jüngere Schwester und mich. Es zischte immer wieder auf mich ein und mein Lachen wurde lauter, grausamer und verzweifelter!
„Ich bringe mich um und ihr allein seid schuld, wenn ich unter der Erde liege. Niemand anders!“ brüllte Lady Zora mich an. Es war der Lieblingssatz meiner Erzeugerin, wir hörten ihn mindestens einmal täglich, wenn sie schlecht drauf war.
Es zwiebelte, es brannte, es schmerzte höllisch…..doch ich wollte nicht, das sie aufhört. Wieder und wieder fluchte und schimpfte sie auf mich ein und holte immer wieder mit der Bullenpeitsche aus.
Sie wußte damit umzugehen. Ich hatte kein Zeitgefühl mehr, war voller Schmerz und lachte wie ein Wahnsinniger . Ich war wieder ein Kind!
„Warum tust du das? Was haben wir dir getan, das Du uns so schlägst und peinigst? Woran sind wir schuld? “ Immer wieder stellte ich die nie beantwortete Frage. Bewegte mich dabei auf dem schmalen Grat zwischen Schmerz und Lachen.
„Es wird Zeit aufzuhören Danny. Wir sind jetzt eine Stunde dabei, daß wird too much“, sagte Lady Zora besorgt. „Mach weiter! Du wirst mich nicht brechen! Niemals!“ fuhr ich sie an. Ich fühlte die innere Stärke, die mich seit der kindlich erlebten Qual begleitete. Nix und niemand konnte mich brechen, bestrafen oder demütigen! Denn ich war bereits tot!
„Mein verdammtes Fleisch könnt ihr bestrafen, meine Seele hat längst mit allem abgeschlossen!“
„Motherfuuuucker“, nach zwei Stunden konnte ich es endlich herausschreien, befand mich in einem betäubenden Zustand absoluter Erschöpfung, ausgelaugt vom Schmerz und meinem wahnsinnigen Lachen.
Lady Zora öffnete die Schlaufen der Handtücher und ich sackte zusammen. „Alles gut bei dir?“, fragte sie mitfühlend.
Ich konnte nicht antworten! Explosionsartig schossen mir verstörende Bilder meiner kindlichen Vergangenheit durch den Kopf, die ich erst sortieren musste und vor allem sortieren wollte.
Ich befand mich im Heizungskeller in Stolzenau! Jahrelang hatte ich es verdrängt und hatte ihn eigentlich nie verlassen.
Die Nachbarn grillten im Garten, Kinder spielten Strassentennis und die Fahrschule packte einen Schüler ins Auto.
Ich war wieder 9 Jahre alt und ging die Grafen-von-Hoya Strasse entlang.
Bei jedem Schritt, den ich ging , tropfte Blut auf den Asphalt. Ich schaute hinab: Meine Arme trieften vor Blut. Die Schmerzen waren unvorstellbar, doch ich ließ den Schmerz nicht zu. Ich zitterte am ganzen Körper, aber keiner sah mich wirklich. Ich wandelte wie ein Geist durch die Strasse bis zur Nummer siebzehn, meinem persönlichen Horrorhaus. Alles war so normal. Der Hof war gefegt, das Auto gewaschen, der Rasen gemäht. Eine perfekte Illusion einer bürgerlichen
Familie! Keiner hat diese scheinbar heile Welt durchschaut. Meine Erzeugerin wusste, wie man manipuliert, integriert und Menschen gegeneinander ausspielt. Sie war der leibhaftige Teufel in Person.
Danny ist wirklich alles gut?“ fragte die Lady erneut und ich blickte zu ihr auf. „Ja alles gut! Ist doch heftiger, als ich dachte“, antwortete ich schweißgebadet.
Wir gingen zur Bar und bestellten bei Mario etwas zu trinken. Ich fühlte mich völlig zerschlagen, mein ganzer Körper brannte, ich schwitzte, aber mir war eiskalt.
Lady Zora und ich unterhielten uns noch stundenlang über das Erlebte, hinterfragten den Sinn des Daseins und warum Kinder so etwas erleben müssen. Ich musste an meine Tochter denken, so klein und unschuldig, unverdorben und natürlich. Ihre Mutter und ich waren uns immer einig, das nur absolute Liebe in der Lage ist, Kinder wachsen und gedeihen zu lassen. Emma hat niemals Gewalt
erfahren.
Zwischen Lady Zora und mir entwickelte sich in dieser Nacht eine Freundschaft, die für mich bis heute ein wichtiger Teil meines Lebens ist. Sie war ein Mensch, der verstand! Ein Mensch, der wußte, das Liebe, Schmerz und Hass nahe beieinander liegen, sich gegenseitig bedingen und das eine aus dem anderen hervorgehen kann.
Nun habe ich als Erwachsener nochmals erfahren, wie sich ein gepeinigtes Kind fühlt. Wie es ist, ein kindliches Opfer zu sein. Ich habe mich selbst gesehen!
Morgens um fünf kam ich wieder am Insomnia an und huschte noch schnell unter die Dusche, um all die Pein abzuwaschen, der ich erlegen war. Immer und immer wieder gingen mir die Bilder am Kreuz durch den Kopf. Ich spürte, das es gut war! Ich fühlte mich besser denn je. Es war geschehen! Ich fing an zu begreifen! Zu begreifen, das ich NICHT SCHULD war.
Doch wer trug sie? Meine Erzeugerin, die all ihren Frust an uns Kindern ausließ? Die Dorfgemeinschaft, die nichts sehen wollte, obwohl man sich mit nichts anderem beschäftigte, als auf die Fehler der Nachbarn zu achten? Die Frage würde ich mir vielleicht später beantworten können.
Das Telefon klingelte mich mittags aus dem Schlaf. Georg war dran und gab mir noch ein paar Tips für die kommende Woche. Der Christopher Street Day stand vor der Tür, das Team um Dominique herum war voller Vorfreude.
Und ich war zum ersten Mal dabei…..

 

Nächste Woche geht`s weiter zur großen Straßenparade, dem Christopher Street Day! Kommt doch einfach mal mit….

9. Christopher Street Day – oder der peinlichste Moment meines Lebens!

 

 

Reise eines Teddybären

1.  Die sanfte Einführung

2. Bizarre Bilder

3. Larissa

4. Der Anheizer

5. Das Kreuz

6. Ein intimer Besuch

7. Stolzenau oder der Keller des Grauens

  1. […] Schmerzen tun nicht weh! – Kapitel 8 […]

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